Ist die Bahn zu unzuverlässig für unsere Arbeitswelt?

Bahn zu unzuverlässig? | © 2021 Claus R. Kullak | Linus Mimietz / Unsplash | Deutsche Bahn AG | resdomestica.prepon.de

Zeitmangel dominiert unseren Alltag in Beruf und Freizeit. Fehlende Verbindungen, Fahrtdauer, Verspätungen, Ausfälle und verpasste Anschlüsse: Die Deutsche Bahn passt da nicht rein! Oder?

Mein erster und (eigentlich) letzter innerdeutscher Flug war 1997. Ich ließ mich von Century Media Records von Stuttgart nach Dortmund fliegen, um Borknagar zu interviewen. Mein Vater flog damals jede Woche teils mehrmals nach Berlin oder Dresden. Ich hielt es für eine praktische Lösung.

Der Grund war Zeitdruck: Es war Satzschluss bei Orkus, ich hatte noch wahnsinnig viel am Layout zu machen, bevor das Heft in die Repro und dann in die Druckerei konnte. Trotzdem wollte ich Borknagar unbedingt machen (und Century Media wollte sie unbedingt im Heft haben, weil sei auf einen Überraschungstitel wie bei Tiamat hofften, den unser Chefredakteur Claus Müller jedoch niemals in Erwägung zog).

Zuvor war ich für das Tiamat-Interview mit dem Zug nach Dortmund gereist und hatte einmal übernachtet und war später für ein The Gathering-Interview mit dem Auto hin und zurück gerast. Ersteres war toll – schon wegen des Kneipenabends mit Sänger Johan Edlund. Zweiteres war beschissen, denn nach den Stunden auf der Autobahn war mein Hirn Matsch.

Gedankenanstoß auf LinkedIn

Vorhin stolperte ich über diesen Post auf LinkedIn:

David Rollik kann ich voll zustimmen. Ich fing mit einer kurzen Replik an. Ich stellte sie mir in etwa so vor:

Wie schlimm es für uns ist, wenn mal ein Zug ausfällt, den Anschluss verpasst oder verspätet ist, hängt davon ab, welche Vorstellung wir davon haben, wie schnell wir von hier nach da kommen. Unsere hochgetaktete Welt hat uns da leider zu unrealistischen Anspruchshaltungen verführt.

Doch ein Gedanke oder besser eine Erinnerung, die ein Kommentar des geschätzten Dr. Thomas Seine angestoßen hatte, machte eine solche Äußerung allerdings unmöglich: Wenn man mir sowas nämlich vor fünf Jahren gesagt hätte, wäre ich derjenigen Person vermutlich ins Gesicht gesprungen, weil ich Zeit- und Leistungsdruck so verinnerlicht hatte.

Also wurde es doch keine kurze Replik, sondern eine längere. Und eine, die ich mich dann entschied, kurz hier einzufügen (was natürlich auch eine zeitliche Fehleinschätzung war). Et voilà:

Bei Reisezeiten umdenken

Auch ich lebe seit zehn Jahren ohne eigenes Auto (und mein letzter innerdeutscher Flug war 1997). Die BahnCard 100 hat sich leider nie gelohnt, obwohl ich immer wieder mit ihr liebäugele. Ich habe stattdessen die 50er. 

Teilweise bin ich wöchentlich überregional gependelt. Ich kann Einwände, wie diejenigen von Dr. Thomas Seine (hier als Kommentar) durchaus verstehen: Manchmal steigt da der Stresslevel. Man muss flexibel sein, um Unvorhergesehenes abzufedern. Andererseits gilt das für die als Alternativen gesehenen Flüge und Autofahrten auch.

Ich denke, man muss zwei Dinge in Betracht ziehen: Je weiter man abseits der Ballungszentren lebt, desto mehr Flexibilität und Geduld braucht man sicherlich. Und das Zweite: Wir tun uns selbst einen Gefallen, wenn wir umdenken und von Mobilität weniger hohe Taktfrequenz und Exaktheit erwarten. 

Wenn wir größere Zeitfenster für den Transit planen, Tätigkeiten für die Fahr- und Wartezeiten für die (statistisch erwartbaren) unerwarteten Verzögerungen bereit haben, können wir uns gelassener auf das einrichten, das wir eh nicht beeinflussen können.

Die Wirklichkeit ist zu unzuverlässig für unsere Arbeitswelt!

Manch einer wird denken: Ich habe nicht mehr Zeit für mehr Flexibilität. Das kann ich verstehen. Ich dachte früher auch immer so.

Dann habe ich (mühsam) gelernt, meine Annahmen zu hinterfragen; z. B. sind die Termine wirklich so unbeweglich, muss ich wirklich so viel an einem Tag unterbekommen, wer sagt das? Und ich habe gelernt, dass nicht ich dafür zuständig bin, Verzögerungen auszubügeln, die ich gar nicht zu vertreten habe oder verhindern könnte.

In solchen Situationen bin ich völlig berechtigt, solche Verzögerungen auch mal an Kunden oder Vorgesetzte weiterzugeben. Das ist für niemanden von Nachteil: Die haben auch genug Dinge zur Hand, die sie in diesem Moment endlich mal kurz erledigen können, oder freuen sich, mal durchzuatmen.

Im Grunde ist es so: Unerwartete Verzögerungen sind eigentlich unerwartet gewonnene Zeit.

Mein letzter und mein erster Flug

Mein letzter Flug überhaupt ging von Stuttgart nach Kopenhagen, um dort über das Wochenende das Festival Heavy Days in Doomtown zu besuchen. Ich ging von der Arbeit auf den Flieger und vom Flieger zurück zur Arbeit. Das war, bevor ich gelernt habe, dass ich nicht alles übers Knie brechen muss. Die gut zwölf Stunden für eine Zugfahrt wäre nicht drin gewesen.

Heute würde ich das anders entscheiden: Ein Flug kommt nicht in Frage. Und die Reisezeit ist die Reisezeit. Entweder es gelingt, so zu planen, dass der Beruf genügend Freizeit für solch ein Event schafft. Oder es kommt eben auch nicht in Frage, das Event zu besuchen.

Mal ehrlich: Arbeiten wir für die Richtigen, wenn wir diese Flexibilität nicht haben? Setzen wir selbst die richtigen Werte und Prioritäten, wenn wir uns diese selbst nicht zugestehen?

Zwei Ergänzungen: Die letzten Fragen habe ich für mich und die damalige Situation beide mit Nein beantwortet. Und das Borknagar-Interview ist übrigens ein Tiefpunkt meiner journalistischen Karriere: Vor lauter Stress hatte ich das Tape auf dem Flughafen ins Handschuhfach gepfeffert, wo ich es sechs Monate später fand. Den Text schrieb ich aus der stressvernebelten Erinnerung heraus.

Das hätte ich mir alles auch sparen und stattdessen die Platte in Ruhe anhören können. Geht sogar immer noch:

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